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Autorin Journalistin

Literatur statt Börsenkurse

»Westermanns Welt«, Kolumne, buchjournal, 6/2012

Die Frage ist doch, wie bringe ich das hier jetzt gut zu Ende. Meine letzte Kolumne, gewissermaßen meine Abschlussarbeit, nach einem Jahr als Kolumnistin fürs Buchjournal.

Von John Irving heißt es, er habe von Anfang an den Schluss im Kopf. Den letzten Satz eines neuen Romans schreibt er zuerst. Interessanter PR-Kniff, vermutlich nicht ganz schwindelfrei. Weitaus spannender finde ich den Gedanken, wann es einen Schriftsteller dazu treibt, sich an einen Roman zu wagen.

Der Züricher Verlag Kein und Aber hat einige seiner Autoren gefragt, ob sie sich an jenen Moment erinnern, als ihnen eine erste Idee durch den Kopf huschte. Besonders schön war für mich die Antwort von Robert Seethaler (vermutlich weil ich seine Bücher ohnehin schätze). Er war mitten in der Nacht hinausgefahren an einen See, um zu schwimmen:“ Der Sand zwischen meinen Zehen war kalt und feucht, daneben lag die Unterhose wie ein überfahrenes Nachttier. Nicht durchdrehen jetzt, sagte ich laut und ging los.“

Nicht durchdrehen, weil der Kopf leer ist, obwohl man soviel schreiben will. Aber in „diesem Sarg“, wie Seethaler seinen Schreibtisch nennt, bringt man erst mal nichts zustande. Die Idee kam ihm beim Schwimmen im nächtlichen See, mitten in einem Gewitter.

Einen Geistesblitz in Sachen Buch hatte ich neulich auch. Beim Fernsehen. Ich bin seit gefühlten 100 Jahren Tageschau-Seherin und verstehe nicht, dass ich mich vorher immer erst durch zwei Minuten Börsennachrichten quälen muss. Ich besitze keine Aktien und ob Gold überwiegend fest zeichnet, interessiert mich kein bisschen.

In eine Buchsendung kurz vor acht würde ich allerdings sofort investieren: Zwei Minuten kurz vor der Tagesschau für das „Buch der Woche“.
An einem beliebigen Tag der Woche.

Jetzt höre ich sie schon aufjaulen, die Kultur-verantwortlichen in den Fernsehredaktionen: Literatur vor acht geht gar nicht. Wieso nicht? Hat es schon mal einer versucht? Nein?

Aber dass Bücher im Fernsehen wenig bis keine Quote bringen, das ist doch bekannt. Ja wirklich?

Woher will man das wissen, wenn Literatur-sendungen so gut wie immer zwischen Mitternacht und Morgengrauen verklappt werden. Bücher brauchen keine Quote. Bücher brauchen Leser.

Zum einen die, die sie mit Freude empfehlen. Zum anderen jene, die sich von dieser Begeisterung anstecken lassen und selbst lesen wollen.
Dazu ist nicht immer eine halbe Stunde Sendezeit nötig, vermutlich nicht mal ein blaues Sofa auf dem Kilimandscharo.

Man braucht ein Buch, einen Menschen und zwei Minuten. Mehr nicht .
Dass ich jetzt, am Ende dieser Kolumne, doch noch meine stillen Träume preisgebe, das habe ich am Anfang wirklich nicht gewusst.

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© 2016 Christine Westermann

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