Direkt zu den Inhalten gehen

Autorin Journalistin

Der Kaiser fährt nackt

»Westermanns Welt«, Kolumne, buchjournal, 5/2012

Sie entscheiden über den besten deutschsprachigen Roman – Mitglied in der Buchpreisjury zu sein ist eine Auszeichnung. Aber es ist nichts für Leute, die mit geschwollenem Gerede wenig anfangen können.

Wenn diese Kolumne erscheint, hat es wieder geklappt. Sie haben den besten deutschsprachigen Roman gefunden und ihm den Deutschen Buchpreis 2012 verliehen.

Die Jury hat in diesem Jahr 162 Bücher gelesen, das macht für jedes Mitglied 23 Romane und ein paar Seiten. Man habe lang, kontrovers und durchweg freundschaftlich diskutiert, ließen die Juroren anschließend mitteilen. Das „freundschaftlich“ hat mich gefreut. Es ist nicht selbstverständlich, dass man noch freundlich miteinander umgehen mag, wenn man sehr unterschiedlicher Meinung ist, was ein gutes Buch ausmacht und warum es unbe- dingt den Preis bekommen muss.

Mitglied der Buchpreisjury zu sein ist eine Auszeichnung, ganz sicher. Ich war 2011 dabei. Über die 20 Bücher, die in unserem Jahr auf die Longlist kamen, haben wir damals in einem gläser- nen Konferenzsaal hoch über den Dächern von Frankfurt ent- schieden. Da hatte man selbst nach acht Stunden Diskussion noch ein sehr erhabenes Gefühl. Möglicherweise auch nur, weil man im 22. Stock saß.
Ein gutes Buch?
Sieben Juroren haben sieben Meinungen.
Manch eine hat auch noch stille Sorge.
Und leise Scham. Die Sorge vor einem Begriff aus dem Fremdwörterbuch der Feuilletonisten und die Scham, sich einzugestehen, dass man dergleichen noch nie gehört hat. Als Einzige in der Runde, versteht sich.
Ich weiß bis heute nicht, was gemeint ist, wenn sich im Text eines Romans nach Kritikermeinung ein manichäisches Weltbild manifestiert.
Was beinahe noch tragischer ist: Ich habe mich auch nicht getraut nach einer Erklärung, einer Übersetzung zu fragen. Auch nicht, was Idiosynkrasie eigentlich meint oder Eponymie.

Ich wäre bei meiner Juryarbeit gern das Kind gewesen aus dem Märchen von Andersen. Der Kaiser fährt zwar nackt, aber dafür mit großem Pomp und Getöse an seinen Untertanen vorbei. Alle beklat- schen die unsichtbaren neuen Gewänder, nur das Kind versteht das ganze Gewese nicht und stellt fest: Der hat ja gar nichts an.

Einen solch klaren Satz habe ich nicht gewagt. Kind sein gilt nicht. Weder in einer Jury noch als Rezensent im Literaturteil der Feuilletons. Versteckt man vielleicht die eigene sprachliche Fantasielosigkeit hinter bedeutend klingenden Begriffen, weil man sich sonst eine Blöße geben würde?

Falls ich doch noch einmal den alternativen Deutschen Buchpreis ins Leben rufe, gibt es eine wichtige Regel: Wir werden ohne Schmock auskommen. Bis dahin nehme ich die Jury 2012 gern als Vorbild: unterschiedliche Meinungen und dennoch freundschaftlicher Umgang.
Oh, Entschuldigung.
Mir ist da ein Fremdwort in den Text gerutscht.
„Schmock“.
Heißt auf Deutsch auch: geschwollenes Gerede.

Kategorie:

© 2016 Christine Westermann

Rubrikbild