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Autorin Journalistin

Das „Röschen“ in der Buchhandlung

»Westermanns Welt«, Kolumne, buchjournal, 4/2012

„Warum muss denn in Ihren Buchsendungen im WDR immer alles wunderschön, wundervoll und unglaublich toll sein? Machen Sie Buchkritik oder verkaufen Sie Bücher? Ich wünschte mir, die Kritiker würden endlich mal ihre persönliche Meinung außen vor lassen!“
So. Das ist doch mal ’ne Ansage.
Fangen wir mal vorn an. Dass jemand in einer sehr persönlichen Kritik auf eine persönliche Anrede des Gescholtenen keinen Wert legt: geschenkt. Dass der oder die es vorzieht, anonym zu schreiben, ebenso. Was mich allerdings nicht erst seit diesem Hörerbrief aufregt, ist die Forderung, die Unabhängigkeit eines Journalisten erlaube es ihm nicht, Bücher ausschließlich positiv zu besprechen. Warum denn nicht?
Warum bitte soll ich ein Buch besprechen, bei dem ich mich gelangweilt habe? Bei dem ich mich wahlweise rat- oder lustlos bis zur letzten Seite gequält habe? Warum muss Lesen Mühe machen? Warum bitte soll jemand seine Zeit damit verschwenden, mir zuzuhören, während ich beschreibe, warum ich genau diesen Roman unsäglich finde, mit der finalen Empörung nach dreieinhalb Minuten: Machen Sie bloß nicht den gleichen Fehler wie ich und lesen aus Versehen dieses Buch! »weiter

Ich will mich nicht damit abfinden, beschimpft zu werden, weil ich Buchempfehlungen mache statt Verrisse. Ich weiß natürlich, dass auch umgekehrt ein Schuh daraus wird.
Wer bin ich, mir anzumaßen, mein gutes Gefühl, meine Begeisterung beim Lesen ließen sich multiplizieren?
Wer bin ich, zu hoffen, ein anderer könne sich ähnlich wie ich über dieses Buch freuen?
Wer entscheidet, was ein gutes Buch ist?
Ich ganz sicher nicht. Jedenfalls nicht für die anderen. Nur für mich. Ich werde auch weiterhin im Radio und Fernsehen nur Bücher empfehlen, die mich gepackt haben. Die ich deshalb weiter- geben möchte, verschenken, verleihen (und damit sind sie auch so gut wie geschenkt, oder?).

Es ist sicher richtig, dass bei einem Live-Interview auch schon mal der Gaul mit mir durchgeht und es dann im Überschwang des Gefühls auch mal ein „tolles“ Buch wird. Na und? Wenn ich von und mit dem Herzen empfehle, zensiere ich mich nicht. Selbstverständlich trage ich mit einer positiven Besprechung zum Verkauf eines Buches bei.
Das mache ich ebenso freiwillig wie unabhängig.
Ich bin wie „Röschen“. So nennt ein guter Freund sein Navigationsgerät im Auto. Ich bin das Röschen in der Buchhandlung.
Wenn ich schon große Mühe habe, unter den Dutzenden von Neuerscheinungen, die im Monat bei mir ankommen, die fünf oder sechs für meine Besprechungen herauszufiltern, wie mag es den vielen Menschen gehen, die ratlos vor Hunderten von neuen Büchern in den Buchhandlungen stehen?
Wissen Sie, was ich glaube? Menschen, die von sich sagen, sie würden nicht gern lesen, haben einfach Pech gehabt. Pech, dass sie am Anfang ihrer Leselaufbahn die für sie falschen Bücher erwischt haben. Das alles hätte ich dem anonymen Kritiker gern genau so geantwortet. Und ich hätte am Ende sogar noch einen freundlichen Gruß angefügt.

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© 2016 Christine Westermann

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