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Rachel Joyce - Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

WDR 2 Buchtipp, 18.05.2012

Cover: Rachel Joyce - Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

Die Handlung

beginnt im Süden Englands. Viel ist nicht passiert im Leben von Harold Fry, so scheint es zumindest. Viele Jahre war er Manager einer Brauerei, jetzt ist er pensioniert, verheiratet mit einer Frau, die ihn verachtet. Das Leben tritt auf der Stelle, bis eines Tages der Brief einer ehemaligen Kollegin kommt. Queenie Hennessy will sich mit wenigen Worten von Harold verabschieden, sie hat Krebs und liegt im Sterben. Harold formuliert eine freundliche Antwort, verlässt das Haus, um den Brief einzuwerfen. Aber er geht am Briefkasten vorbei, läuft aus der Stadt hinaus, immer weiter, Richtung Queenies Hospiz, das an der schottischen Grenze liegt.

1.000 Kilometer, 87 Tage, in denen sein Leben an ihm vorbeizieht, die Katastrophen, die Tragödien, die glücklichen Momente. Er läuft für sich, für seine Frau, seinen Sohn –und für Queenie natürlich: Du musst durchhalten, schreibt er ihr von unterwegs. Ich werde laufen. Und Du wirst leben.

Die Autorin

Rachel Joyce ist Britin, hat zahlreiche Hörspiele für die BBC geschrieben, wurde dafür mehrfach ausgezeichnet.

Als sie diesen Roman begann, lag ihr Vater –ähnlich wie Harolds alte Freundin Queenie – krebskrank in einem Hospiz. Sie hat dieses Buch auch geschrieben, in der Hoffnung, ihn dadurch länger am Leben zu halten, er wollte es unbedingt lesen. Das hat er nicht geschafft. Kurz vor Fertigstellung des Romans ist er gestorben.

“Die unwahrscheinlich Pilgerreise des Harold Fry” ist das erste Buch von Rachel Joyce, es erscheint in den nächsten Wochen in über dreißig Sprachen auf der ganzen Welt. Rachel Joyce lebt mit ihrem Mann und vier Kindern in Gloucestershire auf dem Land.

Die Bewertung

Hape Kerkelings Pilgerreise war gut. Besser geht es nicht. Dachte ich. Warum also jetzt über einen lesen, der Harold heißt, Kilometer um Kilometer läuft und dabei viel über sich, sein Leben begreift. Wirklich keine Idee, die mich noch hätte vom Sitz reißen können. Ein Buchhändler aber hatte mir den Roman sehr empfohlen. Zum Glück. Die ersten zwanzig Seiten habe ich zwar zögernd gelesen, aber dann gab es kein Halten mehr.

Weil dieses Buch so schön von Menschen und den Päckchen erzählt, die sie in ihrem Leben mit sich rumschleppen. Von Liebe und Betrug, von Vätern und Söhnen, Mann und Frau. Darüber, warum eine große Liebe kaputtgeht, und wie man sie vielleicht wieder kitten kann. Über die Kraft des Willens und die Angst, zu versagen. Und über die Macht des Zufalls.

Harold ist kein Durchgeknallter, nur weil er am ersten Briefkasten nicht anhält und bis Schottland weiterläuft. Er ist ein Mensch wie Du und ich, mit dem feinen Unterschied, dass wir vielleicht erst noch den Mut aufbringen müssen, den Harold Fry hatte, als er sich auf seine unwahrscheinliche Reise begab.

Richtig überraschend ist das letzte Drittel des Buches, als Harold schon fast am Ziel ist. Es kommt alles anders, als man es erwartet hatte, gänzlich anders. Und dennoch ist es unglaublich stimmig, berührend. Nicht rührselig, kein Kitsch, nicht sentimental, einfach nur gut. Am Ende dieses Buches- in diesem Fall sind es vierhundert Seiten- habe ich mich wie verzaubert gefühlt. Mit diesem Gefühl bin ich wohl nicht allein. “Wer Harold begegnet,” hat ein britischer Buchkritiker geschrieben,” den lässt er nicht wieder los.”

Rachel Joyce
Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry
Verlag: Krüger
ISBN: 3-8105-1079-3
Preis: 18,99 Euro

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© 2016 Christine Westermann