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Autorin Journalistin

Wie geht man mit einem Buch um?

»Westermanns Welt«, Kolumne, buchjournal, 3/2012

An das Bücherlesen wurde Christine Westermann von ihrem Vater herangeführt. Er hat seine Bücher stets sorgsam behandelt – ganz anders als die Tochter, die sich für den leidenschaftlichen Umgang entschieden hat.

Buchhändler sind wie gute Freunde. Ihre Ratschläge sind mir wichtig: „Lesen Sie das mal, ich glaube, es könnte Ihnen ge- fallen.“ Bei jedem anderen würde ich solch plumpe Vertraulich- keit ablehnen, bei einem Buchhändler freue ich mich. Die Frage ist nur, ob ich auch ein guter Freund der Bücher bin. Denn wie geht man mit einem Buch um?
Für mich gibt es nur zwei Möglichkeiten: sorgsam oder leidenschaftlich. Ich habe mich für leidenschaftlich entschieden. Was im Klartext heißt, ich knicke ein Buch auch schon mal in der Mit- te, damit ich es gut in der Hand halten kann. Ich biege es mir zu- recht, was einen Zuhörer bei einer Lesung mal an den Rand eines Herzkaspers gebracht hat.

Mir kommt ein Klassenkamerad in den Sinn, ein wilder, gieriger Allesleser, dessen Bücher ihm ähnlich sahen. Leicht schmuddelig, hier und da ein Fettfleck. „Der nimmt eine Salamischeibe als Lesezeichen“, der Satz hing ihm bis zum Abitur nach.
Bei mir ist es kein Aufschnitt, ich markiere Lesestellen mit Kassenbons vom Gemüseladen, mit Resten von Briefumschlägen, hin und wieder kommen mir auch mal ne Bordkarte oder ein Bahn- Ticket entgegen. Bleistiftstriche und Eselsohren sind unerlässlich, falls ich eine Zeile wiederfinden will, die ich besonders gelungen fand. Im Englischen sagt man „dog ears “, was ich viel passender und auch klüger finde. Hundeohren – immer hübsch aufgestellt, aufmerksam, neugierig, wissen wollend.

Jahre später las ich aus seiner Bibliothek „Statist auf diplomatischer Bühne“, die Aufzeichnungen von Hitlers Chefdolmetscher. Auch hier hatte er seine Kommentare an den Rand geschrieben, er hat diese Zeit beim Lesen noch einmal durchlebt und durchlitten, er saß wegen seines Widerstandes gegen die Nazis im Zuchthaus.
Blättere ich heute in seinen Büchern, ist es, als seien sie ein Stück von ihm.
Er hat sie sorgsam behandelt, mit stiller Leidenschaft. Auch mich begleiten Bücher durch mein Leben, aber meine Leiden- schaft ist wohl eher laut, von mehr Radau begleitet.
Die Buchhändler meines Vertrauens wissen nicht von meiner Rau-aber-herzlich-(Buch)Seite. Man muss seinen Freunden ja auch nicht alles anvertrauen.

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© 2016 Christine Westermann

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