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Didier Decoin - Der Tod der Kitty Genovese

WDR 2 Buchtipp, 03.04.2011

Cover: Didier Decoin - Der Tod der Kitty Genovese

Die Handlung

erzählt eine unglaubliche, aber wahre Geschichte. Sie hat sich zugetragen in New York, im Frühjahr vor 47 Jahren. Eine junge Frau wird in einem Wohngebiet auf offener Straße von einem Mann überfallen, brutal vergewaltigt und umgebracht. Einige Tage nach dem Tod der Kitty Genovese greift die New York Times die Sache auf, schreibt einen schockierenden Artikel.

Nicht der Mord ist das Thema, dafür werden in New York zu viele Menschen täglich umgebracht, sondern die Tatsache, dass Menschen dem Sterben der Kitty Genovese zugesehen haben. Der Journalist hat 38 ihrer unmittelbaren Nachbarn befragt. Ihre Aussagen erschüttern die Stadt. “Ich dachte, es sei ein streitendes Liebespaar”, sagt einer. Ein anderer glaubt in den Todesschreien eine Horde wilder Katzen gehört zu haben, ein dritter hat das Radio lauter gedreht, weil ihn die Hilferufe gestört haben. Hätte nur einer eingegriffen und die Polizei angerufen, wäre Kitty Genovese noch am Leben.

Der Autor

Didier Decoin ist Franzose, 66 Jahre alt. Er ist Journalist und Schriftsteller, hat früh angefangen. Mit 20 Jahren schrieb er seinen ersten Roman. Als er 32 war, bekam er den Prix Goncourt und danach zahlreiche weitere Preise. Er schreibt nicht nur ausgezeichnete Romane, sondern auch erfolgreiche Drehbücher.

Die Bewertung

Das Buch über diesen Mord beginnt zunächst mit einer Beschreibung des Täters, eines unauffälligen Familienvaters, der diesen Mord detailliert plant. Es ist nicht sein erster. Von Kitty Genovese wird erzählt, einer fröhlichen, jungen Frau. Und die Welt von Queens, New York, wird beschrieben, wo nicht alles eitel Sonnenschein ist, aber so ein brutaler Mord beinahe undenkbar scheint. Jetzt erst beginnt die Geschichte. Sie erzählt von einem Rentnerehepaar, das zur Zeit des Mordes in den Anglerferien war. Das sich bei der Rückkehr nicht erklären kann, warum die sonst so netten Menschen in ihrem Haus tatenlos dem Abschlachten einer jungen Frau zugesehen haben.

Stück für Stück entsteht so ein Bild jener Nacht und ihrer Menschen. Am Ende bleibt man fassungslos zurück. Fassungslos ob des menschlichen Dramas. Aber auch, weil man instinktiv spürt, dass man nicht frei von Schuld ist. Hätte man selbst in einer solchen Situation, unter den ganz persönlichen eigenen Umständen, eingegriffen, hätte man geholfen?

Ich war mir meiner keineswegs sicher, und diese Erkenntnis lässt einen sehr unsicher zurück. Eigentlich will man an das Gute in sich glauben. Aber das Genovese-Syndrom, das Psychologen nach der ermordeten Kitty benannt haben, besagt genau das Gegenteil: Je mehr Menschen bei einem Verbrechen zugegen sind, desto weniger spürt der einzelne eine Verantwortung.

Die Welt ist ein gefährlicher Ort, hat Albert Einstein gesagt. Nicht wegen denen, die Böses tun, sondern wegen denen, die dabei zusehen und nichts tun, um es zu verhindern. Das belegt dieses sehr empfehlenswerte Buch sehr, sehr nachdrücklich.

Didier Decoin
Der Tod der Kitty Genovese
Arche Verlag
ISBN-13: 978-3-7160-2660-1
Preis: 19,90 Euro

Kategorie:

© 2016 Christine Westermann