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Nicola Keegan - Schwimmen

WDR 2 Buchtipp, 04.04.2010

Cover: Nicola Keegan - Schwimmen

Die Handlung

Philomena ist schon als Baby ein schwieriges Kind. Sie schläft höchstens anderthalb Stunden am Stück, raubt ihren Eltern mit ihrer Unruhe und ihrem Gebrüll den letzten Nerv. Und dann geschieht ein Wunder: Als sie beim Babyschwimmen zum ersten Mal ihre Füßchen ins Becken streckt, wird sie mucksmäuschenstill und dann schwimmt sie als habe sie nie etwas anderes gelernt. Danach schläft sie vierzehn Stunden am Stück.

So beginnt die Geschichte um ein Mädchen, das zwanzig Jahre später die schnellste Schwimmerin der Welt werden wird und bei drei olympischen Spielen eine Goldmedaille nach der anderen einsackt. Das aber macht sie keineswegs glücklich, dafür hat sie mit ihren drei Schwestern zu viel kleine und große Katastrophen erlebt, in einer Familie, deren Zusammenleben so schräg und exzentrisch wie der Beruf des Vaters zu sein scheint: Leonard Ash ist ein international renommierter Fledermausforscher, berühmt geworden mit seinem Standardwerk: »Die verkanntesten Säugetiere der Welt«.

Die Autorin

Nicola Keegan wurde 1964 in Irland geboren, wuchs in den USA auf, hat später in Paris studiert, lebt heute mit Mann und drei Kindern mal in Frankreich, mal in Irland. Schwimmen ist ihr erster Roman. In den USA war er ein Bestseller.

Die Bewertung

Ein Buch, das in etwa die Ausmaße eines großen Lexikons hat, ist schon mal nicht unbedingt mein Favorit. Aber es war vielleicht dieser klare himmelblaue Einband mit dem kargen Schriftzug »Schwimmen«, der mich verführt hat. Ich lese die erste Seite und mir ist klar: ich habe Lust, die restlichen 474 auch noch zu lesen. Richtig ist, dass ich ohnehin ein Herz für Familiengeschichten habe. Da ich das weiß, bin ich eher distanziert, eher überkritisch bei der Beurteilung. Aber dieser Roman macht es mir leicht, er hat etwas Besonderes. Er hat mich sehr schnell sehr sanft eingehüllt, nicht auf rührselige Art, im Gegenteil. Auch wenn es um menschliches Schicksal und Tod geht – und darum geht es oft – wird davon merkwürdig kühl, fast schon sarkastisch erzählt und das wiederum ist unterhaltend und oft sehr komisch. Kleiner, feiner Kniff im Text: die Rede steht nicht in Anführungszeichen, sondern ist kursiv gedruckt. Es macht das Lesen anders, übersichtlicher, flüssiger.

Schwimmen ist ein gutes Buch, wie ein guter Film, bei dem einem vieles so schnell nicht mehr aus dem Kopf geht. Eine wichtige Einschränkung: ich habe das deutliche Gefühl, dass es auf den, sagen wir mal, letzten dreißig Seiten mit der Autorin durchgeht, dass sie den Überblick verliert. Sie schickt ihre Hauptperson in Alpträume, in äußerst verwirrende Rückblicke, als würde sie sich scheuen, der Geschichte ein gutes Ende zu verpassen. Das ist schade, aber wenn man die letzten dreißig Seiten nicht zu ernst nimmt, bleiben immer noch 445 Seiten einer sehr lesenwerten Geschichte.

Nicola Keegan
Schwimmen
Verlag: rowohlt
ISBN: 9783498035419
Preis: 19,95 €

Kategorie:

© 2016 Christine Westermann